Würzburger Theaterzettel

1804 - 1904

 

Theaterzettel
Theaterzettel warben seit dem 16./17. Jahrhundert für Theateraufführungen, zunächst als öffentlich angeschlagene Plakate mit wenig mehr als dem Titel des Stücks und dem Aufführungstermin, dann als kleinere Blätter, die von Theaterzettelträgern von Haus zu Haus getragen wurden und schon detailliertere Angaben über die Stücke, ihre handelnden Personen und schließlich auch über einzelne Interpreten machten.

Die Universitätsbibliothek bewahrt 7169 Theaterzettel des Würzburger Stadttheaters aus dem 19. Jahrhundert auf. Sie repräsentieren 9620 einzelne Aufführungen, da in selteneren Fällen an einem Abend mehrere Theaterereignisse stattfanden. Die Theaterzettel sind zusammen mit ähnlichen Sondermaterialien als Besitz des ehemaligen „Historischen Vereins“, des heutigen „Vereins der Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte“, der Universitätsbibliothek Würzburg zur Aufbewahrung anvertraut worden. Sie stellen eine aussagekräftige und lebendige Quelle für die regionale Theatergeschichte dar. Die Würzburger Sammlung enthält bis auf eine Ausnahme – die Aufführung des Gellert'schen Stückes „Die Betschwester“ durch eine Wanderbühne – Theaterzettel von 1806 an, also von einem Zeitpunkt zwei Jahre nach der Gründung eines festen Hauses durch Julius von Soden. Sie endet mit dem Jahre 1904, als in Würzburg, wie auch schon anderswo früher oder später, die Theaterzettel durch umfangreichere Programmhefte abgelöst werden.

Konservatorische Problematik
Theaterzettel sind Einblattdrucke auf Papier von unterschiedlichsten Formaten, vom kleinen Handzettel bis zum Plakat von 73 x 94 cm. Sie waren lange Zeit konservatorisch unbefriedigend aufbewahrt worden und von säurefraßbedingtem Papierzerfall bedroht. Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Instituts für Buchrestaurierung (München) konnten die Theaterzettel restauriert, entsäuert, neu geordnet und adäquat in Kassetten gelagert werden. Um eine weitere Beeinträchtigung der unersetzlichen Originale zu minimieren und dennoch einen einfachen Zugang zu den Informationen der Theaterzettel zu gewährleisten, entschloss sich die Universitätsbibliothek schließlich zur Digitalisierung des Bestandes. 

Katalogisierung, WWW-Version
Dr. Wolfgang Jehmüller katalogisierte bis 1994 die Theaterzettel mit Hilfe des lokalen Datenbanksystems LARS. Die Datensätze wurden nach eigens definierten 42 Kategorien erstellt, die dem historischen Quellencharakter des Materials gerecht werden. Sie erfassen die relevanten Daten eines Bühnenereignisses, z.B. Datum, Titelformen des Werkes, Urheber von Texten und Musik, Übersetzer, die Gattung des aufgeführten Werkes, dann Künstler und Interpreten bei der konkreten Aufführung, aber auch leitende Funktionsträger, wie Regisseure, Bühnenbildner, Dirigenten, besonders hervorgehobene Personen (etwa Gastinterpreten, Debütanten, Ehrengäste) und besondere Anlässe.

Von dieser Datenbasis ausgehend, wurde 2004/05 in Zusammenarbeit zwischen Universitätsbibliothek und Lehrstuhl Informatik II der Universität Würzburg die vorliegende Internetversion im Rahmen der „Bayerischen Landesbibliothek Online“ aufgebaut. Erstmals werden nun Katalog- und Bilddaten sinnvoll verknüpft, nach aktuellen Standards strukturiert und weltweit verfügbar angeboten. Damit sind die Würzburger Theaterzettel Online nicht nur die inhaltlich umfangreichste Veröffentlichung der Würzburger Theaterzettel. Sie vermitteln zugleich mit dem äußeren Bild dieser Quellen die Aura der künstlerisch-ästhetischen Authentizität, die bisher nur dem Original vorbehalten war.

Was erfährt man aus den Theaterzetteln?
Die vielfältigen Fragen, die an das Quellenmaterial der Theaterzettel herangetragen werden, konzentrieren sich um drei Interessensschwerpunkte: das Bühnenwerk in seiner vorgegebenen abstrakten Fassung, die individuellen Umstände seiner Aufführung, schließlich das Repertoire insgesamt, in dem sich Erfolg und Misserfolg von Stücken und Tendenzen des Publikumsgeschmacks in einer ehemaligen Residenz- und späteren Provinzhauptstadt im Königreich Bayern widerspiegeln. Damit ersteht das Bild der künstlerischen und sozialen Wirklichkeit des Würzburger Theaters, einer mittelgroßen typischen Bühne im Deutschland des 19. Jahrhunderts, neu.

Für die lokale und regionale Theatergeschichte sind die Umstände der konkreten Inszenierung eines Bühnenwerkes an einem bestimmten Abend, auf dieser bestimmten Würzburger Bühne, zentral. Hier sind zunächst die künstlerisch mitwirkenden Interpreten zu nennen, die Schauspieler, Sänger, Tänzer, Instrumentalisten, wobei es, besonders in älteren Zeiten, wahre Multitalente gab, die mehrere dieser Funktionen beherrschten. Auch bekanntere Namen tauchen hier als Mitarbeiter des Städtischen Theaters auf. Man erfährt, dass Richard Wagner 1833/34 als Chordirektor auf der Bühne tätig war, die am 12. Oktober 1852 zum ersten Mal ein Werk von ihm, den „Tannhäuser“, aufführte, und dass Wagners Bruder Albert und dessen Familie als Darsteller auf der Bühne arbeiteten. Man lernt Wenzel Dennerlein kennen, den Schauspieler und Sänger, der das Würzburger Theater von seiner Gründung an bis zum Jahre 1853 treu begleitete. Man begegnet Adele Spitzeder, die in der Spielzeit 1860/61 in Würzburg als Sängerin tätig war und später durch einen Betrugsprozess im Zusammenhang mit der von ihr gegründeten „Dachauer Bank“ traurige Berühmtheit erlangte. Man erfährt, dass der bekannte Maler Andreas Geist als Bühnenbildner wirkte.

In der zweiten Hälfte der 19. Jahrhunderts ist eine zunehmende Spezialisierung und Professionalisierung bei den Künstlern festzustellen, neue leitende Funktionen tauchen auf: Regisseure, Dirigenten, Choreographen, Bühnenbildner. Die Theaterzettel nennen aber auch besonders hervorgehobene Persönlichkeiten, etwa gastierende Künstler, unter denen sich auch überregionale Berühmtheiten ihrer Zeit befinden. Emil Devrient, Schauspieler am Dresdner Hoftheater, spielte als Gast in den 60er Jahren mehrmals an der Würzburger Bühne. Emil Possart, späterer Direktor des Münchner Hoftheaters, trat 1870/71, 1892 und 1899 in Würzburg auf. Konrad Dreher, ein um die Wende zum 20. Jahrhundert beliebter Komiker, brachte die Würzburger oft zum Lachen. Leopold Jessner, der 1933 emigrierte Regisseur, trat 1902 als Mitglied des progressiven Berliner „Ibsen-Theaters“ am Main auf, und die später als „komische Alte“ durch den Film bekannt gewordene Adele Sandrock gastierte in ihren jungen Jahren 1890 als „Kameliendame“.

Zu den besonders hervorgehobenen Persönlichkeiten gehören auch die Debütanten und die durch Benefizveranstaltungen geehrten altgedienten Kräfte. Der betreffende Künstler spielte im Stück mit und kam in den Genuss der Einnahmen des Abends. Ebenso wurden Chor und Orchester insgesamt unterstützt, aber auch alljährlich die Armen in der Stadt Würzburg. Wohltätige Zwecke werden ebenso aufgeführt im Zusammenhang mit Kriegs- und Unfallopfern.

Unter der Kategorie „Ehrengast“ erscheinen die mit feierlichen Formeln bedachten Mitglieder des regierenden Hauses Wittelsbach, das seit 1815 bestrebt war, den verloren gegangenen Glanz der ehemaligen Residenzstadt Würzburg wenigstens durch gelegentliche „allerhöchste Anwesendheit“ in Stadt und Theater zu ersetzen. „Bei festlich erleuchtetem Hause“ wurden so Max II. Joseph 1858 mit dem Stück „Donna Diana“ von Karl West und 1860 mit Goethes Faust, Ludwig II am 2. November 1866 mit Flotows „Martha“ erfreut, wobei die Aufführungen mit einigen Extras, wie z.B. einer Jubel-Ouverture oder einem Prolog ergänzt wurden. Den gekrönten Häuptern huldigte man aber auch in ihrer Abwesenheit regelmäßig aus Anlass ihrer Geburts- und Namenstage: „Zur Feier des Allerhöchsten Namensfestes“, ebenfalls bei Festbeleuchtung, wird Jahr für Jahr dem Prinzregenten Luitpold gehuldigt. Anlass für besondere Widmungen waren aber auch Geburtstage großer Dichter und Künstler (z.B. Schiller und Mozart), Bühnenjubiläen, Stiftungsfeiern von Institutionen, wie z.B. der Polytechnischen Gesellschaft, der Bayerischen Akademie der Wissenschaften oder der „Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner“. Auch zeitgeschichtliche Anlässe werden deutlich: der deutsch-französische Krieg schlägt sich in einer „Friedens- und Siegesfeier“, im Jubel über die Kapitulation von Metz und die „Wiedererrichtung des deutschen Reiches und Kaisertums“, schließlich in patriotischen Ehrungen für Persönlichkeiten wie Moltke, Bismarck und Kaiser Wilhelm I. nieder.